Streit um Hausarztmodul in Niedersachsen
Ist das Hausbesuchsmodul schon drin, oder fehlt es noch? Beim Hausarztvertrag in Niedersachsen gibt es Ärger mit der Praxissoftware.
HANNOVER. Am 1. Januar soll der Hausärztevertrag in Niedersachsen starten. Konzipiert ist er als Add-on-Vertrag, auch die KV Niedersachsen ist mit im Boot. Bei der Vorbereitung des Vertrags hat sich im Spätherbst gezeigt, dass offenbar nicht alle Hausärzte die Software sofort bekommen können, mit der die Verordnung nach den Regeln des Vertrags gesteuert werden soll.
Ein Fall wie beim Hausärztevertrag in Baden-Württemberg vor einem guten Jahr? Damals hatte es ein Softwaremodul ("Hausarzt+") von ICW gegeben, das schließlich als Kern von allen anderen Softwarehäusern umgesetzt wurde. In Niedersachsen ist noch unklar, wie die Verhältnisse liegen.
Fakt ist: Der Verband verhandelte offenbar zunächst nur mit der CompuGroup Medical und der MedatiXX-Gruppe, nicht aber mit kleinen Anbietern, wie APW Wiegand, Duria, Frey (Quincy-win), Mediamed-Systec (S3) oder Softland (EL). Ihnen fehlte lange Zeit ein ausgearbeitetes Pflichtenheft für das Arzneimodul. Darauf argwöhnten die kleineren Anbieter, sie würden benachteiligt. Inzwischen rudert der Hausärzteverband zurück und will alle an einen Tisch bringen.
"Ja, wir haben zunächst mit den großen Anbietern gesprochen, um zu verhandeln, was wir da machen können, auch unter Kostenaspekten", erklärt Niedersachsens Hausärztechef Dr. Heinz Jarmatz. Als Ergebnis dieser Gespräche schrieb die CompuGroup an den Verband: "… anbei erklärende Informationen, wie unsere Tochtergesellschaft (die Ifap GmbH, d. Red.) im HzV-Umfeld die Medikationsanforderungen umsetzen kann."
Die CompuGroup deckt gut 50 Prozent des Marktes ab
Auch über die Preise ist man sich einig geworden. Laut Dr. Carsten Gieseking, Chef des Braunschweiger HÄV, habe man mit der CompuGroup pro Praxis 250 Euro für das Modul verhandelt und monatlich 10 Euro für die Pflege. Für Gemeinschaftspraxen werden nach Auskunft Giesekings zusätzliche Kosten fällig: 150 Euro pro Arzt und Modul plus 7,50 Euro Softwarepflege.
Die Tochterunternehmen von CompuGroup Medical (ALBIS, CompuGroup Medical Arztsysteme, Medistar, TurboMed) zählen von den 3705 Niedersächsischen Hausarztpraxen laut KVN 1984 Praxen zu ihren Kunden. Medatixx deckt 1057 ab, Frey 308. Die restlichen 359 Praxen teilen sich kleinere Anbieter.
Unterschiedliche Infos für die Softwarehäuser
Aber kann das ein Grund sein, nicht sofort mit allen Anbietern gleichzeitig zu verhandeln? Dr. Erich Gehlen von Duria etwa erklärt, man habe bisher nur einen siebenseitigen Anforderungskatalog bekommen, "mit dem wir nichts anfangen können", so Gehlen. "Es kann nicht sein, dass nicht gleich der offene Dialog mit allen Anbietern geführt wird."
Nach Auskunft der CompuGroup-Tochter Medistar hat der Hausärzteverband auch ihnen nur einen "Anforderungskatalog" zur Verfügung gestellt, nach dem man nun arbeite. Duria arbeitet allerdings mit einer anderen Arzneidatenbank als Medistar.
Unter anderem soll das Arzneimodul Ärzten erleichtern, im HzV von der AOK rabattierte Medikamente zu verordnen: Der Arzt gibt die Wirksubstanz ein. Ist ein Arzneimittel rabattiert, erscheint auf dem Bildschirm eine grüne Markierung. Wählt der Arzt "grün", wird automatisch das "Aut-idem-Kreuz" gesetzt, damit der Apotheker kein anderes Medikament wählen kann.
Die Sache lohnt sich, denn mit der Grün-Klick-Quote steigt das Honorar. "Bei 300 eingeschriebenen Patienten und einer Grün-Klick-Quote von 85 Prozent wären das 1200 Euro zusätzlich im Quartal", schreibt Gieseking an seine Mitglieder.
Dass die CompuGroup bereits ein fertiges Angebot für dieses Modul auf den Tisch gelegt hat, erfuhren die kleineren Anbieter erst von ihren Kunden. Die hatten nämlich ein Fax vom Hausärzteverband erhalten. Darin heißt es, die Ärzte mögen sich wegen des Arzneimittelmoduls an ihr Softwarehaus wenden, und weiter: "Ihre Bestellung ist (...) umgehend erforderlich, damit die Produktion beginnen kann. (…) Sie werden in den nächsten Tagen ein Angebot Ihres Softwarehauses bekommen."
Eine neue Oberfläche nur für das Arzneimodul?
Doch woher die Anbieter die Daten nehmen, um ein Modul zu bauen? Auf Nachfrage eines kleineren Anbieters beim Verband hieß es in einem Schreiben, das der "Ärzte Zeitung" vorliegt: "Da die CompuGroup zz. der einzige Anbieter für das HzV-Arzneimittelmodul ist, werden Sie wohl nicht ganz an ihr vorbeikommen."
Die Praxen würden gebeten, "sich zuerst an Ihr Softwarehaus zu wenden, das sich dann mit ifap (…) in Verbindung setzen soll." Mancher Mitbewerber hat den Eindruck, es sollte von möglichst vielen Anbietern auf das ifap-Modul zurück gegriffen werden, um die "umgehend" erforderlichen Anfragen der Ärzte bedienen zu können - für die Ärzte wohl kostenpflichtig.
Damit war der Ärger da. Dabei seien externe Module ohnehin nicht der Weisheit letzter Schluss, meint Gehlen: "Wir sollten vermeiden, dass die Praxen durch eine weitere Programmoberfläche einen neuen Prozess für eingeschriebene Patienten nutzen müssen."
KVN und die AOK deuten, obwohl sie HzV-Vertragspartner sind, bei der Frage der Verantwortung Richtung Hausärzteverband. Er sei zuständig, hieß es. Offenbar eine interne Verabredung. "Die Koordination des Arzneimittelmoduls ist nicht unser Geschäft", so die AOK. Die KVN erklärte: "Das Arzneimittelmodul wird in der Anlage fünf des Vertrages verhandelt, einer Anlage, die es noch nicht gibt."
Zunächst müsse der Verband die Einzelheiten des Arzneimittelmoduls klären. "Wir haben den Hausärzteverband aufgefordert, sein Vorgehen entsprechend zu präzisieren." Nach einem Krisengespräch will man die Sache unter Beteiligung aller Anbieter klären.