Hörkino
Nächster Termin 6. Oktober 2010, 20 Uhr: »Werd ich mit Singen deutsch?«
JAHRESPROGRAMM 2010
Das Auge führt den Menschen in die Welt. Das Ohr führt die Welt in den Menschen.
Feature-Reihe „Bremer Hörkino“ beginnt am 3. Februar und startet ins 6. Jahr
Stimmen aus aller Welt, spannende Reportagen, anrührende Schicksale: Radio-Geschichten sind wie eine Portion Kino für die Ohren. An jedem ersten Mittwoch im Monat präsentieren Beate Hoffmann und Charly Kowalczyk ein Radio-Feature im swb-Kundencenter (Sögestraße) – Eintritt frei.
Hören als »Ohrenschmaus«, als gemeinsames Erlebnis und nach dem Hören ins Gespräch kommen mit den Autorinnen und Autoren aus Bremen, Berlin, Potsdam oder Hamburg. Sehen, wer das Gesicht ist hinter den Radio-Kulissen.
Hören Sie, wie komisch-traurig der endgültige Abschied vom Elternhaus sein kann. Erleben Sie, wie die Stasi Günter Grass verfolgt hat. Erfahren Sie, wie die Bundeswehr in Afghanistan Kriminelle schützt. Oder hören Sie, wie es bei einem »Speed Dating« zugeht, bei dem Singles sich endlich auf die Schnelle verlieben möchten. Nach dem gemeinsamen Hören erzählen die Autoren von ihren Begegnungen und abenteuerlichen Recherchen, sie berichten Hintergründiges oder Komisches aus dem Alltag eines Journalisten. Unterstützt wird das hörkino durch swb.
Der Hörkino Programm-Flyer 2010 (PDF, 397KB)
Kontakt: Beate Hoffmann, Telefon: 0421 – 34 31 70
Charly Kowalczyk, Telefon: 0170 31 44 137,
E-Mail: beate.hoffmann@bremer-medienbuero.de,
charly.kowalczyk@t-online.de;
Infos unter www.bremer-medienbuero.de
Mittwoch, 3. Februar 2010, 20 Uhr
Der Mörder ist unter uns
Ein Dorf unter Generalverdacht
Wolfgang Brenner
Saarländischer Rundfunk, 2009
Bei der Polizei treffen Bekennerbriefe für zwei Frauen-Morde ein, die vier Jahrzehnte zurückliegen – zwei Fälle, die nie gelöst wurden. Sie verweisen auf die saarländische Gemeinde Weiskirchen im Hochwald. Jeder Mann über 64 ist verdächtig. Da sich an den Briefen DNA-Spuren befinden, entschließt man sich zu einem Massen-Gentest. Diese Polizeiaktion trifft die Gemeinde wie eine Naturkatastrophe.
Die Menschen im Dorf kennen einander gut. Doch ab jetzt müssen sie damit leben, dass sich in ihrer Mitte der »Hochwald-Mörder« verbirgt. Selbst in den Familien bröckelt es. Die Frauen fürchten, jahrzehntelang an der Seite eines Mörders gelebt zu haben. Noch größer ist die Angst, dass die Familie durch den Großvater stigmatisiert werden könnte.?
Wolfgang Brenner
geboren 1954 im Saarland, Journalist und Buchautor, lebt in Berlin und im Hunsrück. Schreibt Krimis, Radio-Features,
Drehbücher und dreht Dokumentarfilme. Preisträger des Berliner Krimipreises »Krimifuchs« 2007. Für »Der Mörder
ist unter uns. Ein Dorf unter Generalverdacht« erhielt er den Feature Preis 2009 der Stiftung Radio Basel.
Mittwoch, 3. März 2010, 20 Uhr
Guinea-Gold
Wie Ibourahima K. in Bremen das Glück suchte und den Tod fand
Gaby Mayr
Deutschlandfunk, Radio Bremen, 2009
Das westafrikanische Guinea-Bissau ist Drehscheibe des Drogenhandels zwischen Südamerika und Europa. Viele Jugendliche in den Sammelunterkünften für minderjährige Asylbewerber stammen aus dieser Region. In Europa versuchen sie, als »Ameisen« durch den Verkauf kleinster Drogenmengen einen Zipfel vom Glück zu erhaschen.
Ibourahima K. kam als 14-Jähriger nach Bremen, so jedenfalls steht es in seinem Asylantrag. Er wird »eingespeist« in das für Jugendliche vorgesehene Sozialsystem, aber er verweigert sich, will lieber Rastaman sein, sammelt Straftaten wie andere Jugendliche angesagte Downloads. Er enttäuscht Wohlmeinende, aber manche Entscheidungen, die über ihn getroffen werden, muten an wie aus dem Tollhaus. Nach zwei Jahren in Bremen ist Ibourahima K. tot, erhängt in seiner Gefängniszelle.
Dr. Gaby Mayr
ist in Köln geboren und studierte dort Wirtschaftswissenschaften. Sie arbeitet als freie Journalistin für Hörfunk,
Print und Fernsehen. Themenschwerpunkte sind Afrika, Gender und Gewalt. Sie erhielt den »Deutsch-Französischen
Journalistenpreis« sowie den »Juliane-Bartel-Preis«.
Mittwoch, 7. April 2010, 20 Uhr
Mutters Schatten
Kehraus im Elternhaus
Lorenz Rollhäuser
Norddeutscher Rundfunk, 2008
Das Haus still, nur der Klang meiner Schritte: Der Vater vor vier Jahren gestorben und nun auch die Mutter im Pflegeheim. Zum ersten Mal allein hier, in diesem vollgestellten Einfamilienhaus: 200 Quadratmeter, dazu Keller und Dachboden, seit Jahrzehnten nicht mehr richtig aufgeräumt. Das wird jetzt unsere Aufgabe sein. Häkeldeckchen, Schnapsgläser aus Stettin, vergilbte, blasse Fotos. Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit, eine Jugend Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre in der deutschen Provinz.
Zusammen mit meinem Bruder leere ich das Haus. Wir sortieren, verhökern und entsorgen das Leben der Eltern, ihre Geschichte, das ganze Inventar bürgerlicher Kultur, und wir beschäftigen uns bei dieser Gelegenheit noch einmal mit unserer Geschichte. Die Mutter weiß von all dem nichts. Sie wähnt sich die meiste Zeit noch immer in Münster, lebt nun tatsächlich in Berlin. Sie ist sanft geworden, zerbrechlich. Kein Grund mehr zu streiten.
Lorenz Rollhäuser
ist 1953 geboren. Er studierte in Münster Erziehungswissenschaften, war Kaffeehausbetreiber in Hamburg. Ist Buchautor
und seit 1991 Autor von Radio-Features und Hörspielen, lebt in Berlin. Das Feature »Mutters Schatten« wurde als
»Bestes Europäisches Radiofeature« mit dem Prix Europa 2008 ausgezeichnet.
Mittwoch, 5. Mai 2010, 20 Uhr
Deckname »Bolzen«
Günter Grass im Visier der Stasi
Kai Schlüter
Radio Bremen, 2009
Niemals hat sich Günter Grass mit der deutschen Teilung abgefunden. Seit dem Mauerbau 1961 verurteilte er öffentlich den DDR-Sozialismus. Zugleich bereiste er regelmäßig die DDR, las dort öffentlich und hielt intensiven Kontakt zu DDR-Schriftstellern. Für die offizielle DDR galt er als antisozialistischer Reaktionär.
In den Stasi-Unterlagen taucht Grass erstmals 1961 auf. Die Stasi versuchte, Einfluss auf seine Lesungen zu nehmen, drangsalierte seine Kontaktpersonen und verfolgte seine publizistischen und politischen Aktivitäten in der Bundesrepublik genau. Der Autor hat 2100 Seiten Stasi-Akten gesichtet und zeichnet präzise nach, wie die Geheimpolizei mit schier unglaublichem Aufwand versuchte, Grass und seine Kontaktpersonen in der DDR zu »zersetzen«. Dabei schreckte sie vor Ausweisung, Verrat und Verhaftung nicht zurück. Doch Grass ließ sich weder einschüchtern noch einspannen. Das Feature ist ein erschütterndes Dokument über den Umgang der Geheimpolizei einer Diktatur mit einem weltberühmten Vertreter des freien Worts.
Dr. Kai Schlüter
ist Redakteur des Nordwestradios (Radio Bremen/NDR) und war ARD-Hörfunkkorrespondent in Washington und London. Fünf
Jahre als Feature-Redakteur haben seine Leidenschaft für die Radiodokumentation geweckt, der er gelegentlich als Autor
frönt.
Mittwoch, 2. Juni 2010, 20 Uhr
Morde unter deutschem Schutz?
Die Bundeswehr und die Menschenrechtsverletzungen in ihrem afghanischen Regionalkommando
Marc Thörner
Deutschlandfunk, 2009
Der militärische Einsatz in Afghanistan dient dem Wiederaufbau, behauptet die deutsche Außenpolitik: Die Soldaten stabilisieren die Lage und schützen zivile Helfer. Doch im Einsatzgebiet der Bundeswehr vor Ort stellt sich die Lage offenbar ganz anders dar: Provinzgouverneure wie Mohammad Atta Nur und andere Warlords setzen sich immer mehr von der Zentralregierung in Kabul ab, sie bauen ihre kriminellen Geschäfte unter dem Schutz deutscher Soldaten aus und drangsalieren die Bevölkerung – insbesondere die paschtunische Minderheit.
Lassen sie deren Repräsentanten – Stammesführer und Gemeindechefs –gezielt ermorden? Dutzende von ihnen sind in den vergangenen Jahren unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Marc Thörner traf auf seiner jüngsten Reise auch mit einem Taliban-Chef zusammen, der ihm eine brisante Botschaft übermittelte.
Marc Thörner
studierte Geschichte und Islamwissenschaften. Er lebt als freier Journalist und Hörfunkautor in Hamburg.
Veröffentlicht politische Hintergrundberichte über Nordafrika, die Golfstaaten und den Irak. Erhielt 2009 für sein
Feature »Wir respektieren die Kultur – Über die Lage im afghanischen Norden« den Otto-Brenner-Preis für kritischen
Journalismus
Mittwoch, 1. September 2010, 20 Uhr
Angelika
Annäherung an ein Kinderleben
Charly Kowalczyk
Deutschlandradio Kultur,
Norddeutscher Rundfunk, 2010
Als das Jugendamt Angelika mit neun aus ihrer Familie nahm, konnte sie nur unverständlich sprechen, wusste nicht, wie man mit Messer und Gabel isst, hatte weder ein eigenes Bett noch eine eigene Zahnbürste. Bei ihren Pflegeeltern beginnt Angelika zu erzählen, wie sie zu Hause eingesperrt und geschlagen wurde, wie Vater, Onkel und Bruder sie jahrelang sexuell missbrauchten.
Doch warum haben Nachbarschaft, Schule, Jugendamt so lange nichts von ihrem Leid bemerkt? Angelika ist inzwischen 19 Jahre alt und lebt in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Für das Feature begibt sich der Autor zusammen mit der jungen Frau auf Spurensuche in ihre Vergangenheit.
Charly Kowalczyk
sammelte Lebensgeschichten von Pflege- und Adoptivkindern sowie deren Eltern in drei Büchern. Er ist Hörfunk-Autor
für fast alle ARD-Rundfunkanstalten und Mitglied des Bremer Medienbüros, lebt in Potsdam.
Mittwoch, 6. Oktober 2010, 20 Uhr
»Werd ich mit Singen deutsch?«
Ein Feature zur Einbürgerung
Inge Braun und Helmut Huber
Deutschlandradio Kultur, Radio Berlin-Brandenburg,
Norddeutscher Rundfunk, 2009
»Ich geh jetzt Neuköllner machen«, sagt der Bezirksbürgermeister zweimal im Monat zu seiner Sekretärin. Er hängt sich seine Amtskette um und hält eine Rede auf der Einbürgerungsfeier, die mit dem gemeinsamen Singen der Nationalhymne endet.
Es war an einem Dienstag, da wurde Herr S. Deutscher. »Ich will keine Nummer sein, eine Person will ich werden in Deutschland.« Dafür musste er seine türkische Staatsangehörigkeit aufgeben. Frau H. wartet seit Monaten. Ihr irakischer Pass ist abgelaufen. Wer als Ausländer/in Deutsche/r werden will, muss sich auf eine bürokratische Prozedur mit neuen Tests einstellen. Das Feature verfolgt den Weg von der Antragstellung bis zum feierlichen Gelübde. Im Mittelpunkt stehen die »neuen Deutschen« mit ihren Migrations- und Einbürgerungsgeschichten.
Inge Braun und Helmut Huber
arbeiten seit vielen Jahren gemeinsam an Features, Porträts und Dokumentationen mit zeitgeschichtlichem Hintergrund.
Beide leben als Rundfunkjournalisten in Berlin.
Mittwoch, 3. November 2010, 20 Uhr
Palästina – Israel
Ein Wintermärchen
Ruth Fruchtmann
Radio Berlin-Brandenburg, 2009
Als jüdische Europäerin aus einer zionistischen Familie glaubt Ruth Fruchtmann daran, dass nur eine gerechte Lösung für die Palästinenser auch für Israel gerecht sein wird. 2009 trifft sie im Gazastreifen Mitglieder der Gruppe Other Voice. Sie gehören zu den zehn Prozent der jüdisch-israelischen Bevölkerung, die die Bombardierung von Gaza nicht unterstützen. Fruchtmann spricht mit Vertretern palästinensischer Menschenrechtsorganisationen, mit Friedensaktivisten auf beiden Seiten, mit Initiatoren kultureller Projekte, mit Völkerrechtlern. Ging es in der Aktion »Gegossenes Blei« nur um die Sicherheit der eigenen israelischen Bevölkerung? Oder ging es um wirtschaftliche Interessen, die durch die Machtansprüche der Hamas gefährdet sind?
Israel schafft unerbittlich Tatsachen: baut jüdische Siedlungen in der Westbank aus und verdrängt Palästinenser aus Ost-Jerusalem. Das »Verteufeln« der Hamas und das Unterstützen der israelischen Politik durch die internationale Gemeinschaft bieten weder Palästinensern noch Israelis Schutz.
Ruth Fruchtmann
geboren in London, lebt seit 1976 in Deutschland, seit 1987 in Berlin. Sie studierte Germanistik, arbeitet als freie
Journalistin und schreibt Hörfunk-Features, vor allem über jüdisch-polnische und israelisch-palästinensische Themen.
Sie ist Mitbegründerin der »Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.« in Deutschland (EJJP,
European Jews for a Just Peace).
Mittwoch, 1. Dezember 2010, 20 Uhr
Sag doch einfach »Hallo«
Oder: Speed Dating – Üben für den Ernstfall
Katrin Moll
Deutschlandradio Kultur, 2010
»Up, down, next person and keep going!« Zehn Männer und zehn Frauen zwischen 28 und 38 sitzen sich in einer Bar gegenüber. Sie haben es satt, auf ihre große Liebe zu warten: im Supermarkt um die Ecke, in der U-Bahn, im Museum. Überall. Irgendwo. Deshalb nehmen sie ihr Schicksal jetzt selbst in die Hand: beim Speed Dating.
Die Aufregung ist groß und die Ansprüche an den potenziellen Partner sind riesig. Sieben Minuten Zeit haben sie, um sich darzustellen und ihr Gegenüber auf Lebenspartnertauglichkeit zu prüfen. Faktorenanalyse: »Willst du Kinder?«, »Stehst du auf Alphatiere?« Hat der romantische Blitz, der zwei Menschen trifft, da noch eine Chance? Aber, kennen Sie jemanden, der seinen Partner beim Einkaufen kennen gelernt hat? Oder in der U-Bahn?
Katrin Moll
geboren 1973, Medienwissenschaftlerin und Tonmeisterin, lebt in Berlin. Seit 2000 tätig als freie Regisseurin,
Autorin und Dramaturgin für Rundfunkanstalten. Lehraufträge an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam.
Betreut die Sendung »Freispiel« bei Deutschlandradio Kultur.
